Chile

01-23-2020

Wir haben lange nichts geschrieben, aber jetzt sind wir wieder "auf Spur" und unser Blog wird in Kürze sogar die "Jetzt-Zeit" erreichen. Zudem haben wir noch Fotos zu unserem Brasilien-Aufenthalt in den Blog eingesetzt. 

Unsere Weiter-Reise führt(e) uns nach Chile, auf die Osterinsel und nach Argentinien. Einsteigen möchten wir mit Eindrücken aus dem "unruhigen" Chile, wo sich vor allem Harald in Santiago "ins Getümmel" geworfen hat und seine Erlebnisse schildert, bevor wir wieder von unseren gemeinsamen Erlebnissen und Erfahrungen berichten:

      Mir Tränen die Augen und ich atme schwer. Die Luft in Santiago ist getränkt von Tränengas und Rauch. Dieses Gemisch ätzt sich tief in meine Lunge und empfing uns als "Duft" schon bei unserer Ankunft in der Stadt. 
Sie - eine große Zahl von jungen und älteren Leuten - verbrennen Plastik und Gummireifen und skandieren ihre Parolen, tragen Transparente und schwenken Fahnen. Zuerst ging es den Demonstrantinnen und Demonstranten nur um den Prostest gegen (eigentlich) geringfügige Erhöhungen der Buspreise. Doch das war wohl der sprichwörtlich kleine, letzte, winzige Tropfen, der das Fass offensichtlich endgültig zum Überlaufen gebracht hat. Jetzt geht es um mehr - um Bildung, Gesundheit, Rente und richtet sich gegen geplante Privatisierungen in allen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bereichen. Gekämpft wird für (z.B. Verfassungs-) Reformen - und vor allem auch gegen das staatliche Vorgehen und die staatliche Gewalt!


Ich will unbedingt bis ins Zentrum der Demonstration vordringen, um mir ein eigenes Bild zu machen, von dem was hier passiert. Immer wieder höre ich das Wort: ”mata paco" - und denke, wer wird dieser Typ wohl sein. Doch es ist kein Typ, sondern heißt sinngemäß "tötet die Bullen". Die Demonstration ist friedlich, doch der Ärger, die Wut grenzenlos. Und manchmal leider auch die Zerstörungslust - die Stimmung schlägt aggressiv um. Was mich aber am meisten erschreckt, ist das brutale Vorgehen der Polizei. Von Deeskalation kann keine Rede sein! Mit Wasserwerfern und gepanzerten Fahrzeugen fahren die "Ordnungskräfte" massiv in die Menschengruppen hinein, um sie auseinander zu sprengen. Schüsse fallen und Geschrei tönt durch die Straßen. Menschen fliehen, die "pacos" schießen hier gezielt in die Augen - und werden als "asessino" bezeichnet: Mörder! Es gibt Tote und Verletzte, wie ich später aus der Zeitung erfahre. Chaos... und erneuter Angriff und Gegenangriff, David gegen Goliath!


Die Ampelanlagen in der gesamten Stadt sind ausgefallen, zerstört worden. Die Protestierenden regeln den Verkehr offensichtlich selbst. Der Verkehr wird von den Brennpunkten abgelenkt. Die Protestierenden haben auch eigene Notfallplätze und Versorgungspunkte eingerichtet.
Und einen Block weiter, um die Ecke sitzen Menschen und essen zu Abend, ungerührt und unbeteiligt... Nur die Sirenen der Polizei- und Krankenfahrzeuge sind in etwas Entfernung zu hören. Und der "Duft"... liegt über der Stadt...!!!
Die Demonstrationen und Proteste halten die Stadt schon seit Wochen in Atem. Und das betrifft nicht nur Santiago, sondern auch weite Teile Chiles.
Santiago ist ein Meer von Graffitis und Wandmalereien. Teilweise kunstvoll und teilweise einfach nur hin geschmiert. Ein Hund mit roter Binde ist zur Symbolfigur der Protestbewegung geworden, des Widerstandes der Bevölkerung gegen die Maßnahmen der Regierung. Vor allem junge Leute protestieren. Und es sind wohl erstmalig sowohl "konservative" als auch "progressive" Kräfte vereint im Kampf um die Zukunft ihres Landes, wie uns auch Schüler/innen der Deutschen Schule in Valparaiso aus erster Hand und eigenem Erleben berichtet haben.


In Südamerika gibt es in fast jedem Land zurzeit Demonstrationen und Proteste. In Bolivien, in Ecuador, in Kolumbien, in Venezuela und in Chile. Aber auch in Brasilien und Argentinien ist die Lage instabil aufgrund der aktuellen Regierungswechsel und den damit verbundenen Entwicklungen, die in ganz unterschiedliche (rechts/links) Richtungen weisen.
Überhaupt ist uns diesmal die starke Polarisierung des politischen Systems und der Gesellschaft(en) hier besonders aufgefallen. Diese Polarisierungen führen dazu, dass Eliten (und damit Ideologien) bei jedem Regierungswechsel komplett ausgetauscht werden und ihre Wirkung entfalten. Kompromiss und Ausgleich scheinen Fremdworte zu sein. Die Versorgung der eigenen politischen und gesellschaftlichen Klientel scheint das erste und oberste Gebot zu sein. Und die Angst derjenigen, die etwas haben, ist allgegenwärtig. Hinter Mauern, Stacheldraht und Überwachungsanlagen wird die eigene Welt und Weltsicht verteidigt - und die setzt allzu häufig in jeder Hinsicht bei aller Freundlichkeit und Offenheit auf Abschottung und Ausgrenzung. "My home is my castle" bekommt hier eine ganz andere Bedeutung.
Auch die Unterschiede zwischen Arm und Reich fallen uns diesmal besonders ins Auge. So krass und so dicht nebeneinander, wie bei diesem Besuch und lokal sicherlich auch unterschiedlich, haben wir das bisher noch nicht erlebt. Schockierende Bilder im Alltag direkt unter unseren Füßen, ohne lange suchen zu müssen...
Das ist alles nicht neu! Aber die aktuelle Wucht dieser Erscheinungen ist schon sehr bemerkenswert...

Wenn wir uns die Veranstaltungen an den Universitäten und Schulen in den USA und in Kolumbien in Erinnerung rufen - aber auch jene in Brasilien, Chile und Argentinien, so fällt uns auf, dass neben den üblichen Fragen, immer wieder die Frage nach der Zukunftsfähigkeit von Demokratien auftaucht und ernsthaft die Frage der Vorteilhaftigkeit von autoritären oder sogar diktatorischen Systemen diskutiert wird.
Im Gegensatz dazu wurde in Venezuela danach gefragt, wie es den Menschen in der DDR seinerzeit gelungen ist, das System mit friedlichen Mitteln umzustürzen und den nachfolgenden Prozess konstruktiv zu gestalten. Hier wird also nach einer Blaupause für einen Wandel gefragt, die es so natürlich nicht geben kann.

Für uns wird allerdings immer mehr deutlich, dass die durch verantwortungsvolle Eliten (auf beiden Seiten!) getragenen Rahmenbedingungen ein entscheidender Faktor waren, die in Deutschland dazu beigetragen haben, dass sich der Wille der Menschen, der sich auf den Straßen (und später auch an den Wahlurnen) ausdrückte, friedlich und eindrucksvoll durchsetzen konnte. Für uns ist dabei die visionäre und wirkmächtige Rolle, die Michael Gorbatschow eingenommen hat, in diesem Zusammenhang von entscheidender Bedeutung. Ohne ihn "im Hintergrund" - oder mit einer anderen Person an der Spitze der Sowjetunion - hätte die DDR-Führung möglicherweise doch eine "chinesische Lösung" vorgezogen. Glücklicherweise haben aber auch hier verantwortungsvolle Kräfte das Schlimmste verhindert oder hatten die Einsicht in das (vielleicht) Unvermeidliche...
Nun kann viel am "Wieder-Vereinigungs-Prozess" und an den aktuellen Entwicklungen im vereinten Deutschland kritisiert werden. Aber wir wissen heute schon, dass wir in dem Bewusstsein nach Deutschland zurückkehren werden, dass dieses Land (fast) jedem seine Chance bietet - und wir glücklich sind, in diesem Land leben zu dürfen.
Das Gejammer in unserem Land geht einem auch aus der Ferne unendlich auf die Nerven... Wer in unserem Land etwas anpacken oder verändern möchte, der kann das tun. Allerdings brauchen wir als Gesellschaft dabei keine Besserwisser oder Polarisierer, sondern Visionäre und Macher. An letzteren mangelt es leider allzu oft!

Vor dem Hintergrund unserer Erfahrungen in Deutschland als Deutsche machen wir uns immer wieder Gedanken darüber, was wohl die Unterschiede sind, die sich zwischen der deutschen/europäischen "Mentalität" und der "Mentalität" zum Beispiel in Argentinien oder insgesamt in Südamerika allgemein feststellen lassen..., wenn man das so pauschal überhaupt machen kann.
Wir sind vor diesem Hintergrund gespannt darauf, welche Erfahrungen und Eindrücke wir nun in Argentinien, dem lateinamerikanischen Land, das wir "am besten" kennen, machen werden und welche Antworten wir auf unsere Fragen finden werden. 

Aber zuvor noch ein kleiner, ausgewählter Einblick in unsere anderen, vielfältigen Eindrücke aus Chile: 
Die Besuche in den Häusern, in denen der weltberühmte chilenische Dichter und Denker Pablo Neruda gewohnt und gearbeitet hat, haben uns ebenso beeindruckt wie beispielsweise der Besuch der gut ausgestatteten Gedenkstätte zur Erinnerung an die Pinochet-Diktatur... oder auch die Lösung des "Pisco-Streits" zwischen Chile und Peru... "Pisco" (...für die, die es nicht kennen...) ist ein erfrischendes und abwechslungssreiches Weingetränk, über deren "Erfindung" sich die Peruaner und Chilenen herzlich streiten. In Santiago haben sie zur Lösung des Konflikts eine unabhängige, vereinigte "Pisco-Zone" (Bar/Restaurant/Freiluftbereich) gegründet und sie "ChiPeRepublica" genannt, wo man das Getränk ganz friedlich genießen kann, ohne sich zu fragen, in welchem Land es denn nun erfunden wurde - klasse Lösung...!!!


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